Hans-Christian Kirsch (Frederik Hetmann)
Hans-Christian Kirsch
† 1. Juni 2006
      

Gedenkfeier im Kreishaus Limburg-Weilburg am 31.5.2007

Nassauische Neue Presse vom 4.6.2007
Von Sascha Braun
Gertie Honeck bei der Lesung aus Werken von Hans-Christian Kirsch. Im Hintergrund links Landrat Manfred Michel Limburg. "Mit Märchen glücklich geworden, das bin ich!" hat der Schriftsteller Hans-Christian Kirsch einmal selbst von sich gesagt. In Erinnerung an den Schriftsteller, der vor einem Jahr überraschend im Alter von 72 Jahren gestorben war, hatte Landrat Manfred Michel (CDU) zu einer kleinen Gedenkfeier geladen, bei dem Texte des auch unter dem Pseudonym Frederik Hetmann bekannt gewordenen Schriftstellers gelesen wurden. Die Räumlichkeiten des Sitzungssaales "Taunus" im Kreishaus reichten fast nicht mehr aus, um den Kreis der interessierten Zuhörer zu fassen, darunter auch viele Freunde und Wegbegleiter Kirschs sowie die Witwe Elinor Kirsch.

"Hans-Christian Kirsch hat viel für den Landkreis und die Stadt Limburg getan", betonte der Landrat in einem Grußwort und erinnerte daran, dass Kirsch noch zu Lebzeiten seine gesamte Bibliothek mit mehr als 12 000 Bänden dem Landkreis zur Verfügung gestellt hatte. Diese soll nach Michels Worten noch in die Weilburger Kreis- und Stadtbücherei integriert werden. In der Bibliothek, die vor allem Werke der Märchenkunde, der Amerikanistik und Bücher über die "Native Americans" (Indianer) enthält, findet sich auch die Handbibliothek des Kinderbuchautors James Krüss, die allein rund 500 Bände umfasst. Manfred Michel brachte seine Hoffnung darüber zum Ausdruck, dass der "expressive, menschenfreundliche und weitblickende Schriftsteller" Kirsch nachhaltig in Erinnerung bleiben möge.

Kirschs zahlreiche Interessen und Neigungen, die in sein umfangreiches Werk eingeflossen sind, spiegelten sich auch im Programm des Abends wieder. Gertie Honeck, eine bekannte Schauspielerin und Synchronsprecherin, die Kirsch 1993 in Rom kennengelernt hatte, verlieh der Gedenklesung mit ihrer akzentuierten und wohltemperierten Stimme die richtige Atmosphäre. Sie spannte einen literarischen Bogen von Kirschs frühen Jugendjahren in Madrid bis hin zu seinem großen Werk der "Traumklänge" und las auch aus bislang unveröffentlichten Gedichten. Jacob Winter, am Klavier begleitet von Martin Krähe, brachte unter anderem mit Schuberts "Winterreise" eines der Lieblingswerke von Kirsch zu Gehör.

Hans-Christian Kirsch deckte mit seinen Werken ein breites Genre ab, das von Märchen über Romane, Biographien und Sachbüchern bis hin zu Jugendbüchern reichte. Außerdem rief er gemeinsam mit seiner Frau Elinor im Jahr 1977 den "Hans-im-Glück-Preis" als Jugendbuchpreis ins Leben. Als eine Art "Opfer an die Götter" empfanden die beiden damals den Förderpreis für Anfänger unter den Jugendbuchautoren. Die Initiative entsprang der Erfahrung, wie schwer es im Literaturbetrieb gerade jungen und unbekannten Autoren gemacht wird, sich mit ihren ersten Veröffentlichungen durchzusetzen. 1987 wurde der "Hans-im-Glück-Preis" von der Stadt Limburg als Förderpreis übernommen und wird seit 1990 alle zwei Jahre vergeben.

 

 

Nachrufe

"Kultur & Gespenster"
(erschienen in 2, Herbst 2006)
Mit Haut und Haar - Statt eines Nachrufes auf Hans-Christian Kirsch
Von Lasse Ole Hempel

Chase und sein Freund Harry haben es sich in Paris im "Café de Luxembourg" gemütlich gemacht, linkes Seineufer. "Irgendwann am Tage kommt hier jeder vorbei, den man treffen will", prophezeit Harry. Doch dann, ja, dann passiert etwas ganz anderes, das den Helden und Ich-Erzähler noch eine Weile beschäftigen wird. Ein paar "Burschen in Blue Jeans" haben Chase durch ihre "dreisten Pfiffe" auf ein "Arabermädchen" aufmerksam gemacht. Durch einen Song aus der Musikbox teilen sie der Schönen an diesem heißen Sommertag ihr unzweideutiges Angebot mit: "Kommst du mit mir in mein Haus, in mein Haus, dann gebe ich dir Schokolade./ Kommst Du mit mir in mein Haus, in mein Haus, dann gebe ich dir alles hin", singt die "fette Stimme" aus dem Apparat mit den rotierenden Scheiben. Aber: "Die braune Hand des Arabermädchens bewegte sich ohne ein Zeichen von Anteilnahme oder Erregung. Die schlanken Finger führten mit exakter Eleganz und mit einer Geste unnahbaren Stolz die grüne Tasse zu den Lippen, während die Gläser auf den Borden und Tischen bei den hohen Tönen leise anfingen zu zittern und zu klirren. Dann sah ich nicht mehr hin. Ich konnte nicht mehr". Die Erotik, die Chase hier erlebt, in der mhytischen Stadt Berlin, bleibt nicht mehr als ein Versprechen. Trost findet der Erzähler beim Anblick der "hohen Eisenstäbe des Gitters vor dem Luxembourg" und bei seinen Freunden, die nun von allen Seiten eintrudeln. Chase hat Durst auf etwas anderes bekommen: "Ich war behext. Wir waren erst ein paar Stunden in dieser Stadt, und schon war mir etwas unter die Haut gegangen, das mich gierig machte, ein Mädchen zu haben."
Ein Sommer in der Stadt Paris, irgendwann in den ausgehenden fünfziger Jahren. Lange vor 1968, lange vor dem Summer of Love, sucht und findet der Erzähler das wilde Leben in den verruchten Bezirken der Halbstarken und Jazzer. Chase, der Ich-Erzähler, der sich hier mit Haut und Haaren ins Leben stürzt, gehört zu den Tramps, den Gammlern und Erfüllungssuchern der Wirtschaftswunder-Republik und ist zweifelsohne das Alter-Ego von Hans-Christian Kirsch. Dem grade einmal 26-jährigen Autoren attestiert Horst Bienek 1961 in der FAZ, "nicht weniger als den Roman seiner Generation" geschrieben zu haben: "Diese Generation wird sich in jedem seiner Sätze wiedererkennen, sie wird hier ihre Gedanken und Sehnsüchte, ihre Riten und Spielregeln wiederfinden, und ich zweifle nicht daran, daß dieses Buch von ihr entdeckt und erobert wird."

Hans-Christian KirschBienek sollte recht behalten, "Mit Haut und Haar" traf tatsächlich den Zeitgeist, das Buch kursierte zwischen den ersten westdeutschen Gammlern und wurde im Rucksack durch Europa geschleppt. Auch die Verkaufszahlen konnten sich sehen lassen, 1961 wirbt der Münchner Paul List Verlag mit den Worten "Das hohe Auslandsinteresse kündet einen europäischen Erfolg an" für eine Lesereise durch deutsche Städte. In München las Kirsch gleich an vier Abenden hintereinander. Wenig später wurde "Mit Haut und Haar" tatsächlich ins Französische und ins Spanische übersetzt. 1978 erschien der Roman erneut in einer überarbeiteten Fassung und in einem neuen Verlag. Von 1990 datiert die letzte deutsche Auflage.

Auch heute, mehr als 40 Jahre nach Erscheinen hat der Roman, der zu Unrecht unter dem Label Jugendliteratur firmiert, noch seinen Reiz. "Mit Haut und Haar" glänzt durch seinen schnörkellosen Erzählstil, die den Charakteren inne wohnende Lebensfreude, aber auch ihre Verzweiflung scheint hier ungebrochen wiedergegeben, einige Kritiker vermuteten dahinter Naivität und Ungeschicktheit. Tatsächlich erlangt der Roman so seinen authentischen Charme, der Kirschs Beat-Roman zu einem lesenswerten Zeitdokument macht. Davon abgesehen ist er auch ein Paradebeispiel für eine Synthese aus amerikanischen und europäischen Lebensgefühl, aus Jack Kerouac und deutscher Romantik. Da wäre allein schon der Romanheld, der im Nachkriegsdeutschland aufwächst, gleichwohl von seinen Freunden nur "Chase" gerufen wird - er erinnert sie ob seiner Statur an einen texanischen Reiter. Chase und seine Kumpanen lernen sich in der hessischen Provinz kennen und brechen von dort aus zu einem neuen Leben auf. Ihre Wege trennen sich und münden anschließend wieder ineinander. Chase fährt nach Paris, verliebt sich dort, tingelt als Musikant durch die Bars, strandet ohne Geld in Madrid, lernt neue Freunde kennen und versucht schließlich, sich in Frankfurt ein eigenes Leben aufzubauen. Immer wieder spielt das Erlebnis von Musik eine Rolle, ihre wortlose Sprache scheint dem oft ziellosen Helden seinen Weg zu weisen. Eine Art Erweckungserlebnis dieser Art hat Chase in einem Pariser Jazz-Keller: Ein "kratzig" gespieltes Schlagzeug und eine Trompete, die "die Melodie in eine irrsinnige Höhe" schraubt, genügen, dass Chase und seinen Freunden "sämtlicher Mist", der sich in ihren Köpfen angesammelt hatte, "durch den Schornstein" geht. "Ich fühlte, wie meine Hände anfingen, an den Gelenken zu schlackern. Ich schloß die Augen, aus panischer Angst, die Trompete könnte beim letzten Ton in tausend Fetzen zerrissen werden, aber der Spieler schob die Grenze immer noch ein Stück höher." Die Nacht endet damit, dass Chase ein Mädchen mit aufs Zimmer nimmt, das eigentlich mit einem Pariser Bekannten liiert ist. Der aber kennt "die Spielregeln" und gibt dem deutschen Tramp noch einen wohl gemeinten Tipp mit auf den Weg: "Sie ist nicht schlecht."
"Also gewiss war mein Trampen individuell", so erzählt Kirsch ein knappes Jahr vor seinem Tod, "man hatte wenig Geld und wollte andere Länder sehen, aber man traf natürlich damals Leute unterwegs, die auch trampend reisten und es war auch eine Vorphase der mehr oder minder absoluten Freizügigkeit."

Doch in dem Buch steckt noch mehr: Die Suche nach der Leidenschaft, die Sehnsucht hat ihre dunklen Flecken und eine Vorgeschichte: Mit seinem besten Freund Harry verbindet Chase ein traumatisches Erlebnis, das sich während ihrer gemeinsamen Flucht aus der DDR zugetragen hat. Einen dritten Freund ließen sie wegen einer Meinungsverschiedenheit am Grenzübergang zurück, er sollte später beim Versuch in den Westen zu kommen, von einem Spähtrupp erschossen werden. Gepeinigt von Schuldgefühlen fühlten sich die übriggebliebenen Freunde "frühzeitig von der Zeit geschlagen" - womit sie einmal mehr in die Fußstapfen der "geschlagenen" Beat-Poeten treten - ihre Entscheidung, ein Leben als Tramp zu führen, resultiert aber nicht nur aus der Erfahrung, entwurzelt worden zu sein, sondern auch aus einer unbändigen Neugier und Lebenslust. Beide gehen durch schwere, mitunter auch wilde Zeiten, doch es ist schließlich Harry, der über seine große Liebe den Boden unter den Füßen verliert. Auch ein plötzlich einsetzender literarischer Erfolg - Harry hat in der Einsamkeit einer Frankfurter Dachstube einen Roman geschrieben - kann ihm nicht darüber hinweghelfen. Die Zeitungsschlagzeilen und der Eintritt in die Glamourwelt besiegeln erst sein Ende. Harry stirbt am Steuer seines schnellen Wagens, ein bisschen wie James Dean eben. Das traurige Ende rundet eine Geschichte ab, die das Lebensgefühl einer Generation spiegelt, die sich mit den Wirklichkeiten und Unwirklichkeiten der noch jungen Bundesrepublik nicht abfinden möchte. Kirsch skizziert das Bild einer Jugendbewegung, die im hektischen Aufbruch begriffen ist, zur Generation der Eltern klafft eine riesige, nicht zu überbrückende Kluft. Relativ zu Beginn des Romans spielt Kirsch darauf an, indem er einen Dialog zwischen Chase und seinem Vater wiedergibt, der bereits vor ihm aus der Ostzone geflohen war. Eine Szene von theatralischem Format, die schon etwas Symptomatisches an sich hat. "Natürlich sind Fehler gemacht worden", gibt der Vater beim Abendessen zu. "Selbst die Weltmächte sehen ein, daß man langsam einmal einen Schlußstrich unter die gewiß bedauerlichen Verfehlungen in unserer Vergangenheit ziehen muß, und daß man uns unsere Irrtümer nicht ständig vorhalten kann. Ihr habt eine Chance, wie sie unsere Generation nie gehabt hat. Diese Konjunktur kann bei einer geschickten Wirtschaftspolitik jahrzehntelang anhalten." Der undankbare Sohn aber will von diesen Belehrungen nichts hören und geht seinerseits in die Offensive: "Ich kann dieses ständige Geschwätz von Häusern und Autos nicht mehr hören, mich stinkt diese ganze widerliche Verfettung unseres Daseins an, das ist nicht mein Leben. Ich ertrage diese Bedenkenlosigkeit und Mißachtung unserer Schuld nicht." Damit ist die Elterngeneration weitgehend abgehandelt, fortan hat nur noch die junge Generation das Wort, die voll und ganz damit beschäftigt scheint, sich abzugrenzen, eine eigene Identität zu finden.
Hans-Christian KirschDie hier erwähnte "Schuld" - der Erzähler zählt interessanterweise sich selbst zu den Schuldigen - wird nicht weiter konkretisiert und bleibt mysteriös. Politische Ziele und Ideale interessieren Chase und seine Freunde nicht. Angetrieben von der Angst, "auch nur eine Sekunde nicht mit vollem Bewußtsein auskosten zu können," schlagen sie sich die Nächte um die Ohren. Sie erleben einen "Hunger nach Wahnsinn" und eine "Begierde nach allen Worten". Geschickt verbindet Kirsch die Programmatik der Beat-Bewegung mit deutscher Romantik, die manchmal auch ein bisschen an Wandervogel erinnert. So geht der Erzähler von dem festen Glauben aus, "daß es überall in Europa noch Orte gab, in denen man mit der Welt und mit sich selbst im reinen sein konnte. Danach würde ich suchen, immer, solange ich jung war." Kirschs Helden sind keine Zyniker oder Apokalyptiker sondern unentwegte Glückssucher, die den Glauben nicht aufgeben wollen, dass sich irgendwo das erträumte Lebens- und Liebesideal verwirklichen lässt. So schwärmt denn auch Chase für den Roman seines Freundes als "Geschichte der Geschlagenen..., eine wütende Proklamation für das Recht auf Glück, das für den Helden nirgendwo anders zu finden wäre als auf dieser Welt."

Kirsch wurde 1934 geboren, der Vater war im Generalstab der Wehrmacht und zwang die Familie zu Kriegszeiten zum ständigen Umziehen. Nach Kriegsende lebten die Kirschs in Thüringen; als die Amerikaner den Vater verhafteten und ihn bei den Nürnberger Prozessen verhören wollten, floh die Mutter kurzerhand mit den Kindern in den Westen - aus Angst, von den alliierten Ermittlern ebenfalls festgesetzt zu werden. Hans-Christian Kirsch wuchs in Hessen auf und machte dort 1954 Abitur. Er pflegt Kontakte zur lokalen Jazz-Szene, probiert sich als Sänger in der Formation "Reverent Parks". Es folgten Studienjahre in Berlin und Frankfurt und eine allmähliche Politisierung. Während einer Demonstration gegen Adenauer und die Wiederbewaffnung erinnert sich Kirsch, so von der Polizei verprügelt worden zu sein "wie danach nie mehr" in seinem Leben. Kirsch charakterisiert sich und seine Mitstreiter (zu denen der spätere Zeit-Redakteur Carl Christian Kaiser gehört) als angry young men: "Das war eine Minisubkultur. Wir waren kulturell von der Vielfalt Europas begeistert, hatten in Literatur, Theater, Film und Musik einen großen Nachholbedarf und wollten was erleben. Wir waren von unseren Erfahrungen in den letzten Kriegstagen her pazifistisch und gegen die sich langsam wieder regende extreme Rechte. Die großen Bildungseinflüsse waren die Soziologie und Philosophie der Frankfurter Schule und die Psychoanalyse. Ich erinnere mich, dass ich in den Freistunden ins Institut von Horkheimer und Adorno ging und systematisch den gesamten Freud las. Marx kam dann erst später, eben in den sechziger Jahren. Alles andere beschreibt Mit Haut und Haar ganz anschaulich, wenngleich etwas romantisch."

Liest man Biografien aus dieser Zeit liest, sind die späten 50er, frühen 60er immer auch Reisejahre - und zwar sowohl im Sinne einer immer mehr anlaufenden Tourismusmaschinerie als auch der alternativen Wege südlich, westlich per Anhalter. Sicherlich spielt der Wunsch, ein zerstörtes Land zu verlassen und damit die quälende Vergangenheit ein wenig hinter sich zu lassen, eine Rolle. Kirschs Romanheld reist in der unmittelbaren Nachkriegszeit nach Schweden, die Szenerie während der Ausfahrt aus dem Kieler Hafen sagt viel über die graue Tristesse, die Deutschland damals verströmen kann: "Im Morgengrauen war der Dampfer in Kiel ausgelaufen. An den Ufern der Förde war die grausige Kulisse einer zerstörten Stadt zu sehen. Im Hafenbecken ragten die Hecks der versenkten Kriegsschiffe aus dem Wasser, und weiter draußen, als wir an der Insel Fehmarn vorbeifuhren und man zur Binnenküste hinübersah, gab mir das Stück grauer Strand einen Schlag in die Magengrube. Dieser Küstenstreifen gehörte schon zur DDR, aus der ich vor einem Jahr mit einigem Glück und viel Angst entkommen war. Ich fühlte mich lausig, als ich dort hinüberblickte."

Die Geschichte vom Auf und Ab im Leben des Chase erschien noch als Roman von Hans-Christian Kirsch. Für die "Amerika-Saga", die zwei Jahre später erschien, musste Kirsch das Pseudonym Frederik Hetmann annehmen, um weiterhin parallel für zwei Verlag arbeiten und zwischen den Genres changieren zu könen. Dieses Buch bescherte seinem Autor 1965 den Jugendbuchpreis und ebnete den Weg zu einer ansehnlichen Karriere als Autor jener Art von Jugendliteratur, an der sich auch ein erwachsener Leser keinesfalls gleich vergiften würde. Auch die Biographien von Jack Kerouac ("Bis ans Ende aller Straßen", 1989) und Che Guevara ("Ich habe sieben Leben", 1972) erschienen unter dem Namen Hetmann. Im Nachruf der FAZ, der im Juni diesen Jahres erschien, war zu lesen, dass der Name Hetmann für eine Jugendliteratur stehe, "die sich der Welt in die Arme warf und unermüdlich die Erzähltradition entfernter Regionen sichtet, um sie neu funkeln zu lassen."
Allerdings hatte der Erfolg im Jugendsektor auch seine Schattenseiten. Kirschs Ehefrau Elinor erinnert sich, ein ums andere Mal bei ihrem Mann ein gewisses Mißbehagen festgestellt zu haben - darüber, erfolgreich mit einem Label belegt zu sein, das es ihm schwer machte, andere Sphären des Literaturbetriebs zu erklimmen. So hätte sich Kirsch für seine Benjamin-Biographie "Reisender mit schwerem Gepäck" eigentlich einen renommierteren Verlag gewünscht - das Buch erschien 2004 bei Beltz & Gelberg, abermals unter dem Hetmann-Pseudonym. Die Tür zum etablierten Literaturbetrieb wollte sich für den überaus fleißigen Kirsch nie wirklich öffnen. Dazu hatte schon "Mit Haut und Haar" zu viel Reportagecharakter, war zu deutlich von amerikanischer Literatur wie Jack Kerouac - "On the Road" war gerade zwei Jahre zuvor in deutscher Übersetzung erschienen - oder auch Ernest Hemingway beeinflusst. Internationale Vorbilder statt deutsche Innerlichkeit. Zu den Lesungen der Gruppe 47 wurde Kirsch nie eingeladen und "Die Welt" zeigte sich denn auch verblüfft, über jene "Distanzlosigkeit", mit der Kirsch in "Mit Haut und Haar" den "Jargon der Zeit" einarbeitet: "Nicht nur im Dialog exerziert er ihn, also um seine Typen wahrheitsgemäß oder ironisch zu treffen, sondern er läßt ihn fast nahtlos in die Erzählpartien übergehen." Richtiggehend verärgert ist der Rezensent über angebliche "grammatische Schnitzer" und "Denkfehler" und mutmaßt: "Möglicherweise hat Kirsch sich zu sehr auf das Abhören der Jazzplatten von Charlie Parker konzentriert, bei welcher Tätigkeit er seinen Stil entwickelt haben will. Der Lektor jedenfalls, der über diese Schnitzer nicht gefallen ist, gehört vor ein Tribunal."

Bewundererung wurde Kirsch dafür von Hadayatullah Hübsch entgegen gebracht, der in den sechziger Jahren im Begriff war, eine eigene Karriere als Beat- und Undergroundliterat zu schmieden. Für Hübsch bleibt das Buch rückblickend "der einzige deutsche Beat-Roman" - eben weil Kirsch eben mehr "Deutscher" als "Europäer" gewesen sei, der die Camargue genauso gut kannte wie die Pariser Szene der Existenzialisten.
Auf jeden Fall ging Kischs Liebe zu den Beat-Schreibern eben nicht so weit, auch deren Drogenerfahrungen teilen zu wollen. Gegen Ende des Romans findet sich jene Szene, in der Chase feststellen muss, dass einer seiner Kumpanen bestimmten sonderbaren Zigaretten zuneigt. Der ehemals verantwortungslose Tramp, der in Paris gesehen haben will, was Rauschgift den besten Musikern antun kann, übernimmt die Initiative und belehrt den Musikerkollegen mustergültig: "Bei der nächsten Probe nahmen wir ihn ins Gebet. Er war sofort geständig. Er lachte zuerst über unsere Fürsorge. Erst als ich ihm unmissverständlich klarmachte, ich würde keinen Spieler in der Band dulden, der Kraut rauche, gelobte er Besserung." Trotz solcher Ausrutscher ins Didaktische muss man Hans-Christian Kirsch Respekt zollen für dieses literarische Denkmal, das er den zornigen, sehnsüchtigen jungen Männer der späten Fünfziger gesetzt hat. - Insbesondere Kirschs Courage, Straße und Musik in die Sprache einfließen zu lassen, verleiht "Mit Haut und Haar" einen verführerischen modernen Esprit. Es gibt nicht allzu viele Bücher, die so sehr durch ihre sinnliche Bandbreite zu bestechen wissen - durch die Gerüche, die Wortfetzen und Sounds, die als mächtige Chiffren durch den Texte geistern.

Der radikalisierten und politisierten deutschen Jugendbewegung der späten 60er widmete Kirsch keinen Roman mehr. In den 70er Jahren war er viel unterwegs, lernte die USA und Japan schätzen, schrieb unter dem Hetmann-Pseudonym über die Biographien "bedeutender Revolutionäre", beschäftigte sich aber umso intensiver mit den von ihm innig geliebten "grünen Hügeln" Irlands. Mit fast sechzig Jahren war Kirsch Ehrengast der Villa Massimo. Gemeinsam mit seiner Frau stiftete er den "Hans-im-Glück"-Preis für Jugendliteratur. Im Laufe der Zeit sammelte er eine 12.000 Bände starke Privatbibliothek an, die sehr viele Werke zur Märchenkunde, Amerikanistik und den Native Americans enthält und die nun an die Kreisbibliothek seines letzten Wohnorts, Limburg an der Lahn, übergehen und somit öffentlich zugänglich sein wird. Hans-Christian Kirsch starb am 1. Juni 2006 im Alter von 72 Jahren an den Folgen einer Gehirnnblutung.

 

 

"Wiesbadener Tagblatt" vom 13.11.2006
Posthume Würdigung
Texte von Hans-Christian Kirsch alias Frederik Hetmann im Literaturhaus


Von Ulrike Brandenburg
WIESBADEN. Es war einmal ein Student, der das Schreiben liebte. Der Autor Hans-Christian Kirsch traf von Anfang an das Lebensgefühl der Jugend, und auch als Märchenerzähler hat er in den vergangenen 40 Jahren den Bezug zu spannenden Themen nie verloren. Kirsch, dessen unter dem Pseudonym Frederik Hetmann erschienenen Kinderbücher und Jugendtexte längst zu Klassikern geworden sind, hatte in Wiesbaden eine Fangemeinde der besonderen Art. Es sind die Veteranen des legendären Pop-Clubs, einer freien Jugendvereinigung, die Kirsch von 1967 bis 1976 leitete. Seit der Jahrtausendwende treffen sie sich wieder. Auch für diesen November war ein Abend mit dem Mentor geplant. Doch Kirsch ist überraschend im Juni dieses Jahres 72-jährig gestorben, und so musste in der Villa Clementine rezitiert werden, was der Autor und Übersetzer selbst vortragen wollte - spanische Liebeslieder. Die hatte er schon einmal präsentiert.

Das Wiesbadener Tagblatt druckte am 26. Februar 1969 eine Rezension mit dem Titel "Liebeslyrik und Gitarre". Der Artikel beschrieb den Auftritt des Gitarristen Manolo Lohnes und des Autors Hans-Christian Kirsch, "eines nicht unbekannten Schriftstellers, der jedoch nicht aus eigenen Werken las." Dennoch: "Ein Abend, der Literaturgeschichte lebendig werden ließ." Ein Revival hätte es also werden sollen, und wurde statt dessen zur posthumen Würdigung des Freundes. Manolo Lohnes spielte, am Kontrabass begleitet von Sohn Manuel Lohnes, "Sevillanas" - als Zwischenmusiken zu den von Schauspieler Karl Jürgen Sihler rezitierten und von Kirsch übersetzten Versen ("Herr Bürgermeister,/lieber Herr Bürgermeister/bestrafen Sie die Diebe nicht zu hart,/denn Sie haben eine Tochter,/die stiehlt Herzen"). Sihler brachte dann aber auch Kirschs Ballade über Madrid zu Gehör. "Sing mir ein Lied/und hast du gesungen/dann geh" heißt es darin, und die Freunde Kirschs hatten diese Zeile als Motto des Abends gewählt. Von Wehmut geleitet war dieses literarische und musikalische Treffen allemal, dazu trugen auch Club-Zeit-Erinnerungen bei - an das Gastspiel von Reinhard May etwa, der vor 40 Jahren für eine Gage von 150 Mark auftratg. Oder an politisches Engagement: Als in der Helene-Lange-Schule eine NPD-Veranstaltung stattfinden sollte, überklebten die Clubmitglieder in der Nacht zuvor die Plakate.

Im Publikum, zurückhaltend, auch Elinor Kirsch. Ihr Anteil am Lebenswerk ihres Mannes ist enorm. Dass sie die Gesamtorganisation des heute von der Stadt Limburg verliehenen, ursprünglich aber von Kirsch gestifteten Hans-im-Glück-Preises zur Förderung junger Schriftsteller leitete, ist nur eines ihrer Verdienste am Erfolg ihres Lebenspartners.


Hans-Christian Kirsch bei einer Lesung

 

 

"Spiegel" 24/2006

In seinen über hundert Bücher - Romanen, Lyrik, Sachliteratur, Biografien, häufig für junge Leser - bewies der geborene Breslauer vor allem eines: Sein nie versiegendes Interesse für Unangepasste, Unterdrückte und die Unergründlichkeiten des Daseins. Nach Fluchtjahren hatte Kirsch zunächst als Lehrer und Redakteur gearbeitet, bevor er sich im Westerwald niederließ. Seither wirkte der reisefreudige Schriftsteller, der unter dem Pseudonym Frederik Hetmann veröffentlichte, im besten Sinne als Aufklärer: In vielen Lebensbilder, Länderporträts, Geschichten- und Märchensammlungen nutzte er seine Kenntnisse der Eigenart fremder Kulturen, um immer wieder auch für Einzelgänger und Außenseiter Verständnis zu wecken. Schon sein 1960 erschiener Tramperroman "Mit Haut und Haar" beschwor er visionär die Revolte der jungen Generation in Europa. Auch Kirschs Biografien stellten fast immer kreative Rebellen in den Mittelpunkt - von Jack Kerouac und Karl May über Rosa Luxemburg und Walter Benjamin bis zu Ché Guevara, Sylvia Plath und Bob Dylan. Hans-Christian Kirsch starb am 1. Juni in Limburg.


 

 

"Süddeutsche Zeitung" vom 6.6.2006:

Traumklänge
Zum Tod von Hans-Christian Kirsch, der als Jugendautor Frederik Hetmann berühmt wurde

Als ich ihm zu seinem 72. Geburtstag im Februar, per E-Mail, gratulierte, ist mir der Satz herausgerutscht:"Wir denken -nicht nur heute- mit Dankbarkeit und Bewunderung an Dich." Er antwortete: "Dank für eure Zeilen. - Dankbarkeit und die Bewunderung können wir streichen..."

Jeder Anflug von Pathos war Hans-Christian Kirsch zuwider. 1934 wrude er in Breslau geboren, der Beginn demokratischer Verhältnisse in der Bundesrepublik hat seine Jugend geprägt. Sein Credo war das vieler Generationen: Aufbrechen, sich auf den Weg machen, um in der Vielfalt der Welt Neues, Lebbares zu finden, zu prüfen, zu erproben, zu beschreiben. Der Tramperroman "Mit Haut und Haar" wurde zu einer Wegmarke in der erst wenig formulierten deutschen Literatur. Weil es seinerzeit noch als anrüchig galt, als Erwachsenenautor auch für Kinder und Jugendliche zu schreiben, erschien sein "Blues für Arie Loeb" unter dem Pseudonym Frederik Hetmann. Seine Motivation zu schreiben war wesentlich mit Anfang und Suche, mit dem Jungsein verbunden. So wurde Frederik Hetmann zu einem der bekanntesten Jugendbuchautoren, zweimal mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. ("Amerika Saga" 1965, "Ich habe sieben Leben - Die Geschichte des Ernesto Guevara, genannt CHE", 1973).

Betrachtet man dies ungewöhnlich vielfältige, umfangreiche Œuvre, möchte man meinen, es waren wirklich zwei Autoren am Werk, vielleicht sogar sieben. Da ist der Reisende, der Biograph, der Märchensammler und Märchenerzähler, der Jugendbuchautor, der Autor der Beat-Generation, der Sachbuchautor, der Fantasy-Autor. Und in der Aufbruchszeit zwischen 1972 und 1979 - seine eigenen Bücher erschienen damals in Orange bei Beltz & Gelberg - war er Herausgeber der "Ravensburger Jungen Reihe", hat etwa den Klassiker "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" von Judith Kerr, entdeckt. Er hatte sich die neue, noch unverbrauchte Freiheit genommen, sich in keine Schablone pressen zu lassen, sich in kein gemachtes Nest gesetzt, niemanden nach dem Mund geredet. Manche haben ihm diese Freiheit verübelt, manche waren mit den Vielschreiber-Argument schnell bei der Hand, und in neoliberaler Zeit ist er manchen einfach zu anstrengend. In den letzten Jahren hat sich Hans-Christian Kirsch vom Jugendliteraturbetrieb zurückgezogen, hat umfangreichen Fantasy-Romane für Erwachsene geschrieben ("Traumklänge oder das längste Märchen, das es ja gab"), den autobiographischen Roman "Die polnische Hochzeit". Im Frühjahr 2006 erschien "Bluesballaden - Amerikanische Erzählstücke" mit einer CD seines Freundes John Kirkbride. Amerika hat er geliebt, um so heftiger war seine Trauer angesichts der Gegenwart im Land des einstmals großen Freiheitsversprechen.

Manche Entwicklung in der Kinder- und Jugendliteratur unserer Tage, vor allem der zunehmende ökonomische Zwang in den Verlagen, der Freiheit und Unabhängigkeit von Autoren wie Leser missachtet, hat ihn besorgt gemacht. Er hat seine Leserinnen und Leser ernst genommen, er hat ihnen zugemutet und zugetraut selber zu denken und zu empfinden. "Soziale Phantasie", das war seine Forderung, Bildung und Zuckererbsen für alle. Wir dachten, wir hätten noch viel vor uns - aber ach, die Zeiten von Aufbruch und Beginn sind vorbei und das Pathos der schönsten Sonntagsrede wird sie nicht zurückzaubern. Am 1. Juni ist Hans-Christian Kirsch gestorben. (Herbert Günther)




Hans-Christian Kirsch

 

 

"Die Welt" vom 7.6.2006:

Hans-Christian Kirsch gestorben

in "On the Road", der kunstvoll verwobenen Lebensgeschichte der Beat-Poeten Burroughs, Ginsberg und Kerouac, steckte viel vom ganzen Mann: Hans-Christian Kirsch liebte das Reisen ebenso wie die Rebellen - mit "Haut und Haar" hatte er 1960 schließlich selbst als aufbruchslustiger, rebellischer Romancier debütiert.

Landesweit bekannt wurde Kirsch unter seinem Pseudonym Frederik Hetmann - als Kinder- und Jugendbuchautor. Kirsch, 1934 in Breslau geboren, gewann gleich zweimal den Deutschen Jungendbuchpreis, der Durchbruch gelang ihm mit der Lebensgeschichte des Rebellen Che Guevara "Ich haben sieben Leben" (1972).

Romantik und Aufklärung, Mythos und Gegenwart - für Kirsch, für Hetmann waren das keine Gegensätze: In Grimmscher Tradition brachte er von seinen Reisen Märchen, Mythen, Sagen mit, der er in zahlreichen Bänden aufbereitete. Als Biograph, als Geschichts- und Literaturvermittler suchte er nach den Spuren Rosa Luxemburgs oder Georg Büchners, phantastische Literatur schrieb er für Kinder wie für Erwachsene. Der "Hans-im-Glück-Preis" seiner Wahlheimat Limburg geht auf seine Initiative zurück. Völlig überraschend ist Hans-Christian Kirsch jetzt in Koblenz gestorben. Er wurde 72 Jahre alt. wfr

 

 

"Echo-Online" vom 8.6.2006:

Erzähler fremder Leben
Nachruf: Hans-Christian Kirsch war ein Autor, der den kritischen Geist herausforderte

Als Hans-Christian Kirsch 1997 in Reichelsheim den Wildweibchen-Preis entgegennahm, staunte man über den Fleiß des damals 63 jahre alten Autors. Nicht weniger als 95 Bücher standen auf seiner Publikationsliste; wenn es sich um Kinder- und Jugendbücher handelte, erschienen sie unter dem Pseudonym Frederik Hetmann. Und weil Kirsch fleißig blieb, schaffte er mit neuen Büchern, die er mehrfach in Reichelsheim vorstellte, die seltene Hunderter-Marke.

Der Ehrgeiz des Autors war freilich nicht Masse. Ob er für Jugendliche schrieb oder für Erwachsene: Kirsch wandte sich an den wachen Geist, dessen Kritikfähigkeit er schärfen wollte. Am vergangenen Donnerstag starb er im Alter von 72 Jahren in Limburg.

Hans-Christian Kirsch, 1934 in Breslau geboren, hatte sich auch mit dem Sammeln und Herausgeben von Märchen und Sagen einen Namen gemacht. In seinen Jugendbüchern gelang es ihm mit der Geschichte des Lebens von Che Guevara mit dem Titel "Ich habe sieben Leben" (1972). Dafür erhielt er 1973 erneut den Deutschen Jugendbuchpreis, den er 1965 für die "Amerikasaga" bereits bekommen hatte.

In den späten Jahren wandte sich Kirsch neben den Jugendbüchern vermehrt auch historischen Stoffen für Erwachsene zu. Er setzte unter anderem Georg Büchner, Bettina Brentano, Rosa Luxemburg und in "Schlafe, meine Rose" Elisabeth Langgässer ein literarisches Denkmal. job/dpa


Hans-Christian Kirsch, Elinor Kirsch und Landrat Manfred Fluck



"Nassauische Neue Presse" vom 3.6.2006:

Hans-Christian Kirsch ist tot

Limburg. Hans-Christian Kirsch ist tot. Völlig überraschend starb der Limburger Schriftsteller, auch bekannt unter dem Pseudonym Frederik Hetmann, am vergangenen Donnerstag in Koblenz. Er hinterlässt seine Frau Elinor Kirsch. Die Biographien herausragender Persönlichkeiten zählten - neben den Märchen und der phantastischen Literatur – zu den thematischen Schwerpunkten der umfangreichen schriftstellerischen Arbeit Kirschs, der 1934 in Breslau geboren wurde. Seine Kindheit verbrachte er in Niederschlesien, Berlin und Frankfurt am Main, bevor er 1945 nach Thüringen, vier Jahre später weiter in die englische Besatzungszone flüchtete.

In Frankfurt am Main machte Kirsch sein Abitur und studierte dort, später in München und Madrid, die Fächer Pädagogik, Anglistik, Romanistik, Philosophie und politische Wissenschaften. In den Jahren von 1956 bis 1960 war er Lehrer an einer Höheren Handelsschule in Wiesbaden. Es folgten Studienreisen nach Irland, England, Spanien, in die Vereinigten Staaten, nach Südamerika, Japan, China, Arabien und Afrika. Von 1962 bis 1972 arbeite Kirsch als freier Schriftsteller, danach als Lektor und Herausgeber der „Jungen Reihe“ im Otto Maier Verlag. 1978 entschloss er sich, wieder als freier Autor, Herausgeber und Übersetzer zu arbeiten. Etliche Kinder- und Jugendbücher schrieb er überwiegend unter seinem Pseudonym Frederik Hetmann.

1977 hatte Kirsch mit seiner Frau den "Hans-im-Glück-Preis" als Jugendbuchpreis gestiftet. Als eine Art "Opfer an die Götter" empfanden die beiden damals den Förderpreis für Anfänger unter den Jugendbuchautoren. Die Initiative entsprang der Erfahrung, wie schwer es im Literaturbetrieb gerade jungen und unbekannten Autoren gemacht wird, sich mit ihren ersten Veröffentlichungen durchzusetzen. 987 wurde der "Hans-im-Glück-Preis" von der Stadt Limburg als Förderpreis übernommen und wird seit 1990 alle zwei Jahre vergeben.

Vor fünf Jahren hatte Kirsch seine rund 12 000 Bände umfassende Privatbibliothek der Kreisbibliothek Limburg-Weilburg übergeben. In der Bibliothek, die vor allem Werke der Märchenkunde, der Amerikanistik und Bücher über die "Native Americans" (Indianer) enthält, findet sich auch die Handbibliothek des Kinderbuchautors James Krüss, die allein rund 500 Bände umfasst.

Neben dem Schreiben und Reisen beschäftigte sich Kirsch, der für seine Werke zahlreiche Preise erhielt, viele Jahre auch mit Märchenkunde, Mythologie, Ethnographie, Buddhismus und den Religionen der amerikanischen Indianer. Wer Kirsch einmal in einer seiner zahlreichen Lesungen erlebt hat, kann ihn wohl nie vergessen. Es war faszinierend zu beobachten, wie sehr Kirsch selbst in die Gefühlswelt der Buchfiguren eintauchte. Sein ganzer Körper beugte sich im Stuhl vor und zurück, sein Kopf drehte sich nach allen Richtungen und hauchte so den Phantasiefiguren Leben ein. "Die Zeit" hatte einmal über ihn geschrieben: "Wie kaum ein anderer Schriftsteller beherrscht Kirsch die Kunst, Fakten und Überlieferung, Briefe und Aufzeichnungen der Zeitgenossen, Authentisches und Vermutetes zu einem Mosaik zusammenzufügen." (bra)


"Rhein-Lahn-Zeitung" vom 4.6.2006:

Trauer um großen Autor: Hans-Christian Kirsch ist tot
Schriftsteller hatte zwei Mal den Deutschen Jugendliteraturpreis erhalten

LIMBURG. Der Limburger Schriftsteller und Jugendbuchautor Hans-Christian Kirsch ist tot. Der 72-Jährige ist nach kurzer schwerer Krankheit in einem Koblenzer Krankenhaus gestorben. Kirsch, der mit vielen Büchern unter seinem Pseudonym Frederik Hetmann verfasst hat, ist mit seiner Ehefrau Elinor der Begründer des alle zwei Jahre in Limburg vergebenen Hans-im-Glück-Preises für Jugendliteratur und hat in seinem Berufsleben selbst viele wichtige Preise erhalten, darunter zweimal den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Hans-Christian Kirsch wurde am am 17. Februar 1934 in Breslau geboren und verbrachte seine Kindheit in Niederschlesien, Berlin und Frankfurt am Main. 1945 flüchtete er nach Thüringen, 1949 in die englische Besatzungszone. Nach seinem Abitur in Frankfurt studierte er dort sowie in München und Madrid Pädagogik, Anglistik, Romanistik, Philosophie und politische Wissenschaften. 1956 bis 1960 war er Lehrer an einer Höheren Handelsschule in Wiesbaden.

Studienreisen nach Irland, England, Spanien, in die USA, nach Südamerika, Japan, China, Arabien und Afrika haben das Leben des Schriftstellers geprägt. Thematische Schwerpunkte seiner umfangreichen schriftstellerischen Arbeit waren neben den Märchen und der fantastischen Literatur Biografien herausragender Persönlichkeiten. Neben dem Schreiben und dem Reisen beschäftigte sich Frederik Hetmann auch mit Märchenkunde, Mythologie, Ethnografie, Buddhismus und den Religionen der amerikanischen Indianer.

Vor seinem Umzug nach Limburg wohnte Hans-Christian Kirsch viele Jahre in Nomborn/Westerwald. Vor sechs Jahren hatte das Ehepaar Kirsch seine aus 10 000 Büchern bestehende Privat-Bibliothek dem Kreis Limburg-Weilburg als Stiftung übereignet. Landrat Dr. Manfred Fluck sprach damals von einem "beträchtlichen Beitrag zur kulturellen Vielfalt".

Hans-Christian Kirschs Name steht für eine außerordentlich reiche und weit ausgereifte schriftstellerische Tätigkeit. Er war Mitglied im PEN-Club in Deutschland. Sein Tod ist ein herber Verlust weit über die Limburger Region hinaus. (dd)






Hans-Christian Kirsch



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